AUTOR: SIGRID JOSITZ
FOTO: PETER SCHINK/FOTOLIA.COM
Eine Begegnung mit einem Hai wünschen sich manche Taucher - eine Begegnung mit einem Walhai alle. Wer einmal in den seltenen Genuss gekommen ist, neben einem solchen Koloss durch die Meere gleiten zu dürfen, wird sich ein Leben lang daran erinnern.
Walhaie sind die größten Fische, die die Ozeane durchqueren. Für den Menschen sind sie harmlos. Bislang sind Walhaie wenig erforscht. Sie können bis zu 20 Meter lang, zwischen 20 und 40 Tonnen schwer werden und ernähren sich von Krill (garnelen-ähnlichen Krebstieren), Plankton und kleinen Fischen. Doch die Meeresbewohner sind eine rare Spezies – sie vor die Taucherbrille zu bekommen ist eine Seltenheit.
Das Ningaloo-Reef vor der westlichen Küste Australiens ist eine der wenigen bekannten Orte, an denen sich Walhaie aufhalten. Das Korallenriff erstreckt sich über 260 Kilometer Länge parallel zum Festland. Im Gegensatz zum an der Ostküste gelegenen Great Barrier Reef ist es zwar wesentlich kleiner und auch unbekannter, dennoch ein Paradies für Schnorchel-Fans. Denn es liegt nur wenige 100 Meter vom Strand entfernt und kann mit Flossen und Schnorchel erreicht werden. 220 Korallen- und 500 Fischarten sind hier gezählt worden.
Exmouth liegt an der Spitze der Halbinsel Vlaming Head. Der Ort gilt als Tor zum Ningaloo-Reef. Zwischen März und Juni können hier Whale-Shark-Touren gebucht werden. Um sieben Uhr morgens startet der Bus zum 45 Minuten entfernten Ziel. Ein Motorboot setzt die zwölfköpfige Entdecker-Gruppe auf eine Yacht über. An Bord geklettert gibt’s erst einmal für jeden einen Neoprenanzug samt Schnorchelausrüstung. Den Himmel trübt kein Wölkchen, die Sonne lässt die sanften Wogen des Ozeans türkis schimmern – entsprechend gut ist die Stimmung.
Alex, die Tourführerin, instruiert die Besucher. „Ich gehe zuerst ins Wasser und suche den Walhai. Erst wenn ich auftauche und meinen Arm in die Luft strecke, kommt ihr rein und schnorchelt mir nach. Niemand berührt den Hai, wir halten alle einen Abstand von mindestens drei Metern, ok?“ Dass ihr die Tiere am Herzen liegen, ist zu spüren, wenn sie von ihnen spricht. Ein strahlendes Lächeln breitet sich auf dem sonnengebräuntes Gesicht aus. „Alles klar? Dann machen wir jetzt einen Probegang im seichten Wasser“ und taucht ab. Minutenlang ist nur ihre verschwommene Silhouette knapp unter der Wasseroberfläche zu sehen. Plötzlich streckt sie ihren Arm in die Luft. Wie von der Tarantel gestochen hüpfen die Schnorchler ins Wasser – das hat schon mal geklappt.
Zurück an Bord wird der Anker gehievt, das Boot verlässt die Küste fährt raus auf See. Alex verschwindet in den Tiefen des Ozeans. Gespannt wartet der Rest an der Reling, scannt die Wasseroberfläche nach ihr ab, doch sie ist nicht ausfindig zu machen. Die Minuten dauern eine gefühlte Ewigkeit. Natürlich gibt es keine Garantie, einen Walhai anzutreffen. Der Skipper hält während der Expedition per Funk Kontakt zu einem Segelflieger, der die Tiere aus der Luft leichter finden kann. So steigen die Chancen. Dann schnellt in 50 Metern Entfernung ein Arm in die Höhe. Jetzt geht’s los.
Aufgeregt springt die Crew ins Meer, schnorchelt Alex entgegen. Wo ist sie? Unter Wasser ist sie nicht ausfindig zu machen. Kopf über Wasser. Da vorne war sie doch eben noch. Der Wellengang ist stärker als gedacht, Vorwärtskommen ist mühsam, strengt an, kostet Kraft. Einige Meter weiter ein erneuter Versuch, sie unter Wasser zu sichten. Was ist das? Eine riesige graue Wand, bedeckt mit weißen Punkten, gleitet unmittelbar vor den eigenen Augen vorbei. Der Walhai! Vor Schreck einen Augenblick nicht aufgepasst und schon sprudelt salziges Wasser ins Atemrohr. Schnell zurückrudern und nicht in Panik verfallen. Das Herz pocht im Kopf. Da ist die kräftige Schwanzflosse auch schon vorbei – seelenruhig zieht das Tier weiter seine Bahnen.
Der Walhai schwimmt gemächlicher als gedacht. Parallel zu seinem Körper schnorchelnd, ist er wunderbar zu beobachten. Sein riesiges Maul ist weit geöffnet, kleine gelbe Fische suchen ihren Weg ein und aus. Gebannt von der Anmut des Tieres ist der Rest der Welt schnell vergessen: Paddeln ist nun eine Leichtigkeit, die anderen Schwimmer existieren nicht mehr – nur noch der sanfte Riese, der sich ruhig vorwärts bewegt. Seine Haut sieht so geschmeidig wie Seide aus. Die Versuchung ist groß, sie zu befühlen. Doch dann macht der Hai zwei kräftige Schläge mit der Schwanzflosse und verschwindet in den dunklen Tiefen.
Alex schätzt das Tier auf sechs Meter. „Eine normale Größe.“ Auch wenn die Fische angeblich bis zu 20 Meter lang werden können - gesichtet wurde ein Tier mit solchen Maßen noch nicht.
Dann heißt es geduldig sein, vielleicht kommt der Walhai ein zweites Mal vorbei. In der Zwischenzeit tauchen Mantarochen auf, die blitzschnell durchs Wasser zu schweben scheinen. Ein Buckelwal zieht in der Ferne vorbei und auch Nemo und seine Geschwister schauen vorbei. Drei Mal taucht der Walhai an diesem Tag noch auf und lässt sich neugierig beäugen. Ein Naturerlebnis, von dem man ein Leben lang zehrt.




