AUTOR: NADINE ROBAUSCH
FOTO: AKTION PLAGIARIUS E.V.
Jahr für Jahr verdienen sich Produktpiraten eine goldenen Nase: allein in Deutschland sind es über 30 Milliarden Euro, die auf Kosten jener Unternehmen gehen, die immens viel Geld in Forschung und Entwicklung stecken. Doch Plagiate können nicht nur gesunde Unternehmen empfindlich treffen, vielmehr werden sie auch schnell zur Gefahr für Leib und Leben.
Wachstumsbranche Produkt und Markenpiraterie.
Hersteller aus aller Welt investieren in Forschung und Entwicklung, in Design und in Qualitätskontrollen – schließlich will man vorne mitspielen und innovative, sichere Produkte auf den Markt bringen. Doch gerade diese Vorleistung wird vielen Unternehmern zum Verhängnis. Schätzungen offizieller Stellen gehen davon aus, dass Plagiate, Fälschungen und Raubkopien jährlich weltweit einen volkswirtschaftlichen Schaden von mehreren Hundert Milliarden Euro anrichten. Nicht zu vergessen sind die Auswirkungen auf jeden einzelnen von uns: schließlich werden durch Produkt- und Markenpiraterie weltweit mehrere hunderttausend Arbeitsplätze vernichtet. Denn was einst als laienhafter Kopierversuch in der Hinterhof-Werkstatt begann, ist heute längst zur professionellen Industrie mit einem übergreifenden Netzwerk aus Herstellung, Logistik und Vertrieb mutiert. Globalisierung, modernste Technik und anonyme Vertriebskanäle wie das Internet tun ihr übriges.
Hungriger Drache?
Mehr als 78 Millionen gefälschte Produkte pro Jahr gehen Zollbeamten allein an den EU-Außengrenzen ins Netz. Ursprung knapp 60 Prozent dieser Nachahmungen: China. Und doch wäre es falsch, das Reich der Mitte als alleinigen Buhmann hinzustellen. Denn zu den „Fälscherhochburgen“ zählen ein Großteil der südostasiatischen Staaten genauso wie Osteuropa und Lateinamerika. Von der einfachen Zahnbürste über Blutkonserven bis hin zu ganzen Industrieanlagen wird mittlerweile alles kopiert. Jeder erdenkliche Wirtschaftszweig von Film und Tonträgern, Softwareprodukten, Markenprodukten aus dem Kleidungs- und Sportartikelbereich, Uhren, Schmuck, Kosmetika, Getränke, Nahrungsmittel, Pharmazeutika und technische Produkte aus dem Maschinenbau, der Automobil- und Luftfahrtindustrie sind betroffen. Inzwischen wird die Fälschung von Produkten zum überwiegenden Teil von der organisierten Kriminalität kontrolliert. Das Risiko ist für sie überschaubar – der Gewinn riesig. Die Plagiatoren tragen schließlich keine unternehmerischen Kosten, vertreiben die kopierten Produkte zum Großteil über das Internet. Diese Anonymität lässt die Fälscherindustrie weitgehend ungeschoren davonkommen – mit Gewinnmargen von ca. 900 Prozent.
Der Preis ist heiß.
Plagiate sind in Europa gesellschaftlich anerkannt. Dies hat eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young mit Unterstützung des Markenverbandes ergeben. 2.500 Verbraucher und 27 Konsumgüterhersteller wurden im Zuge der Studie befragt. Auch wenn das Bewusstsein, dass die gefälschten Produkte oftmals unter miserablen Herstellungsbedingungen entstehen und der Kauf eines Plagiats mit allerlei Risiken und Gefahren verbunden ist, vorhanden ist, greifen vor allem junge Menschen bewusst zur Fälschung. Denn Statussymbole scheinen immer wichtiger zu werden und der Besitz eines preiswerten Plagiats verhindert den vermeintlichen Imageverlust. Dass der Diebstahl von Sacheigentum strafbar ist, kann laut Ernst & Young jeder der Studienteilnehmer nachvollziehen. Doch der Diebstahl geistigen Eigentums, also der Ideenklau, scheint den meisten Konsumenten doch zu abstrakt zu sein. Er bezahlt schließlich nur das, was er sieht – und da unterscheidet sich in seinen Augen das Plagiat kaum vom Original.
Gefährliche Fälschungen.
Doch wie wenig die Fälschung dem Original ähnelt, muss so mancher Plagiats-Erwerber am eigenen Leib erfahren. Einerseits unterstützt er mit dem Erwerb kriminelle Netzwerke, andererseits geht er dadurch erhebliche gesundheitliche, ja manchmal sogar lebensbedrohende Risiken ein. Denn einmal davon abgesehen, dass die Waren - was Arbeitszeiten, Sicherheit und Hygiene betrifft - unter menschenunwürdigen Bedingungen hergestellt werden, so scheinen es die Plagiatoren auch in Hinblick auf Qualitätskontrollen und dem Einsatz von gesundheitsschädigenden Substanzen nicht so eng zu sehen. Schließlich ist alles, was sich profitmindernd auswirken könnte, nicht im Interesse der Drahtzieher. Gefälschte Reifen oder Bremsscheiben, die ohne Qualitäts- und Sicherheitskontrolle auf den Markt kommen, können jedoch schnell zur Gefahr werden. Genauso wie fehlende Wirkstoffe im Arzneimittelbereich oder erhöhte Giftstoffanteile in gefälschten Zigaretten. Ein besonders dramatisches Beispiel für minderwertige Plagiate: Als ein Flugzeug der Norwegischen Partnair ins Meer stürzt und 55 Menschen ums Leben kommen, ergeben die anschließenden Untersuchungen, dass gefälschte Flugzeugteile die Ursache des Absturzes waren.
Bewusstsein schaffen.
Die Aktion Plagiarius – eine Initiative, die von Rido Busse ins Leben gerufen wird, als er eines Tages auf der Frankfurter Frühjahrsmesse auf dem Stand eines Hong Konger Herstellers ein offensichtlich exaktes Plagiat der Brief- und Diätwaage für 10 DM entdeckt, die die busse design ulm gmbh im Original komplett entwickelt und für 26 DM auf den Markt gebracht hat – hat eine klare Mission: die Aufklärung und Sensibilisierung der Öffentlichkeit auf das Problem der Produkt- und Markenpiraterie und dessen immense negative wirtschaftlichen Auswirkungen. Vor diesem Hintergrund verleiht die Initiative jährlich auf der Konsumgütermesse „Ambiente“ im Rahmen einer internationalen Pressekonferenz den „Plagiarius“ - einen schwarzen Zwerg mit goldener Nase – an die dreistesten Produktpiraten. Damit ist der Preis keineswegs eine Auszeichnung im herkömmlichen Sinn, sondern vielmehr eine Aberkennung von Fantasie, Innovation und Kreativität und treibt wohl jedem Preisträger, der in der Öffentlichkeit bloßgestellt wird, die Schamesröte ins Gesicht.
Abschließend bleibt zu bemerken, dass nicht die Produktpiraten allein die Schuld am immensen Wachstum des Schattenmarktes tragen. Vielmehr bestimmt hier - genauso wie sonst auch - die Nachfrage das Angebot. Und so sollte sich wohl jeder von uns selbst an der Nase nehmen, bevor er das nächste Mal zu einem Plagiat greift.




