AUTOR: NADINE ROBAUSCH
FOTOS: TINA EINBRODT
Als einst die große Dürre über den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten von Amerika hereinbrach und die Erde auf den Feldern über tausende Kilometer hinweg vor Trockenheit zu Staub wurde, packten verarmte Bauern ihr Hab und Gut zusammen und brachen Richtung Westen auf - dahin, wo „Gold und Honig fließen“. Ihr Weg führte sie über die damals einzige Verbindung in den Westen: die Route 66. Am Wegesrand der Ost-West-Verbindung von Chicago nach Los Angeles entstanden Motels, Tankstellen, Raststätten und Imbiss-Restaurants, die noch heute in die damalige Zeit zurückkatapultieren. Später, nach dem zweiten Weltkrieg, als erneut viele Menschen ihr Glück an der Westküste suchten, erlebte die Route 66 ein zweites, goldenes Zeitalter, in dem die Ortschaften und Städte entlang der Route regelrecht aufblühten.
Das vorläufige Aus.
Doch dann kam alles anders: In den 1950er Jahren wollte Dwight D. Eisenhower ein Autobahnnetz nach deutschem Vorbild schaffen. Seinem Ansinnen nach sollten die neugebauten Interstate Highways das Netz der U.S. Highways ergänzen, aber keineswegs ersetzen – trotzdem wurde die Route 66 plötzlich überflüssig. Schließlich konnte sie als einfache, oft kurvenreiche Landstraße dem wachsenden Verkehr zunehmend nicht mehr gerecht werden. Es kam, wie es kommen musste: die alte Wegführung geriet in Vergessenheit und wurde schließlich sogar vollkommen aus dem Straßenkartennetz verbannt. Von heute auf morgen standen die Besitzer und Betreiber der Tankstellen, Motels, Hotels und Restaurants entlang der Mother Road vor dem Nichts. Bis Liebhaber die alten Schilder aufmöbelten, längst verlassene Stationen am Wegesrand restaurierten, Vereine gründeten und Reiseführer schrieben. Eine Sisyphos-Arbeit, schließlich ist die Route rund 2.500 Meilen lang. Doch man erreichte das Wichtigste: den Mythos am Leben zu halten. 1988 endlich, wurde die Route 66 von der amerikanischen Regierung als historische Strecke anerkannt und mit Geldmitteln für die Restaurierung ausgestattet.
Von Chicago rund 2.500 Meilen nach Los Angeles.
Fast scheint es, als würde sich der Startpunkt verstecken wollen. Doch in Illinois, an der Ecke Michigan Avenue /Adam Street in Chicago, beginnt er, der Traum eines jeden Motorradfahrers - mit einem unscheinbar angebrachten Straßenschild mitten im Herzen der Innenstadt: hier ist der Startpunkt der legendären Route 66.
Rund 50 Meilen weiter, südwestlich von Chicago, liegt das „Launching Pad“ – ein perfekter Stopp für alle Jene, die noch nicht gefrühstückt haben: "Zwei Eier mit Soße und Coke" der Herr des Hauses ruft seiner Frau in der Küche die Bestellung zu. Das ist Amerika, wie es einmal war, fern von Burger King und Wal-Mart. Fast ist es so, als sei die gute alte Zeit an diesem Ort ein bisschen stehen geblieben - darüber sind sich zumindest all jene einig, die hier den Duft der Freiheit schnuppern und das Gefühl von längst vergangenen Zeiten tief inhalieren wollen.
Zwischen den Orten tauchen neben der Strecke hin und wieder Farmhäuser auf, die frische Landluft steigt in die Nase und langsam vor sich hintuckernde Traktoren stellen den Durchreisenden auf die Geduldsprobe. Ein Highlight der "66" wartet in Odell: Eine Tankstelle aus dem Jahr 1932, seit 1975 außer Betrieb, aber seit neun Jahren restauriert. 87 Meilen sind bereits gefahren, 2361 liegen noch zwischen Odell und dem Pazifik.
Zurück in die Vergangenheit.
Kurz vor Springfield, Missouri, trifft man auf den Posten von Bill Shea, ein Original der Route 66. Spätestens hier beginnt die Reise in die längst vergangene Zeit: Schließlich lebt der heute 85-jährige Shea seit 50 Jahren hier. Seit er im Ruhestand ist, dreht sich sein ganzes Tun nur um die Route 66 – und seine Werkstatt ist zu einer wahren Fundgrube für alte Zapfsäulen, Fotos und Plakate geworden. Ein Muss für jeden Liebhaber - auch weil Bill jede Menge Geschichten auf Lager hat. In Springfield angekommen, so sagen es die eingefleischten Einheimischen, führt kein Weg am „Cozy Dog Drive“ vorbei und damit an in Teig frittierte Würstchen am Stiel. Die Stadt, einst Wirkstätte von Abraham Lincoln, dem hier ein neues Museum gewidmet ist, ist auch die Geburtsstätte von Cartoon-Held Homer Simpson - da sind sich zumindest die Springfielder hundertprozentig sicher.
Nach Springfield ziehen endlose Maisfelder neben der Straße vorbei. Doch dann erreicht der Abenteurer die Stadt Litchfield - Zeit noch einmal in die Vergangenheit einzutauchen: mit einem Besuch im 50er Jahre Autokino "Sky View Drive In". Kurz vor St. Louis wird ein starker Einkehrschwung unbedingt nötig, schließlich ist "Ted Drewes Frozen Custard"-Eisladen ein absolutes Muss: Seit 1929 wird hier Eis in den leckersten Variationen produziert.
Die Fahrt durch schier endlose Weiten führt schließlich weiter in die südöstliche Ecke von Kansas, Baxter Springs. Von dort sollte man einen Abstecher nach Coffeyville wagen – jenem Ort, an dem einst um 1892 die berüchtigte Dalton-Bande versuchte, zwei Banken gleichzeitig zu überfallen. Doch die Bewohner von Coffeyville zogen den Daltons einen gehörigen Strich durch die Rechnung und erschossen vier der fünf Bandenmitglieder.
Wer Baxter Springs hinter sich gelassen hat, landet früher oder später über Tulsa in Oklahoma City. Die Hauptstadt ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum Oklahomas. 1995 erlangte die Stadt - als Ziel eines verheerenden Bombenanschlags auf das Alfred P. Murrah Federal Building, bei dem 168 Menschen ihr Leben verloren - traurige Bekanntheit.
Wer der Route 66 weiter folgt, erreicht El Reno – ein geschichtsträchtiger Ort, denn schließlich wurde hier 1874 ein Kavallerieposten gegründet, der die Cheyenne unter Kontrolle halten sollte. Heute ist Fort Reno mit seinen Artefakten aus der Militärzeit und historischen Fotografien auf jeden Fall einen Besuch wert. Über Clinton und Elk City erreicht man schließlich good old Texas.
„Is this the way to Amarillo?“
Mit dem berühmten Schlagertext auf den Lippen kommt man nach Amarillo, eine Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern. Wer sich zutraut, ein 2 Kilogramm schweres Beefsteak in weniger als einer Stunde zu vertilgen, der sollte unbedingt in „The Big Texan“ vorbei schauen, schließlich bekommt man dann sein Steak hier gratis.
Nur ein paar Meilen weiter, westlich von Amarillo, trifft man auf die „Cadillac Ranch“ – zehn bis zur Hälfte in den staubigen Boden eingelassene Cadillacs. Die einzigen Begleiter scheinen trockene Hitze und Wüstenkakteen zu sein, während die Route 66 in gerader Linie nach New Mexico, über Santa Fe und Albuquerque, führt. Wer jetzt echten Wild, Wild West erleben will, begibt sich nach Fort Sumner – ein kurzer Abstecher in den Süden von Santa Rosa. Denn hier befindet sich das Grab des legendären „Billy the Kid“, bürgerlich William H. Bonney.
The Grand Canyon State.
Hobrook, Winslow, Flagstaff, Williams, As Fork, Seligamn und Kingman – der Abschnitt der Route 66, der durch Arizona führt gilt als der schönste und am besten erhaltenste Streckenabschnitt. Vor allem die letzten 600 Kilometer ab Flagstaff lohnen sich besonders: der Grand Canyon, die Künstlerstadt Sedona, die Kasinostadt Las Vegas und die Mojave-Wüste liegen beinahe auf der Strecke.
Alles hat ein Ende. Spätestens nachdem der Reisende Needles, Barstow, San Bernardino passiert hat und die großen weißen Lettern des wahrscheinlich berühmtesten Schriftzuges der Welt in der Ferne auftauchen, wird es selbst für dem hartnäckigsten Verweigerer zur Gewissheit: die Reise hat hier in Los Angeles ein Ende gefunden. Tröstend ist nur mehr ein Spaziergang über den „Walk of Fame“ und das Versprechen, die „Main Street of Amerika“, die heute wie keine andere für Freiheit und Ungebundenheit steht und auf der vielmehr der Weg das Ziel ist, bald wieder zu fahren.




