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Lutz Eggebrecht
München

AUTOR: NADINE ROBAUSCH
FOTO: SUZE/PHOTOCASE.COM

Patchwork-Familien sind auf dem Vormarsch, schließlich gibt es heute in Deutschland bereits über 2,3 Millionen solcher bunt zusammen gewürfelter Familien. Doch „Patchwork“ ist - neben all dem Schönen - wie der Name schon sagt, vor allem auch eines: Arbeit. Denn damit das Zusammenleben auch gelingt, muss so einiges beachtet werden. Wir begeben uns auf die Suche nach Familien, in denen Patchwork gelebt wird – und finden Höhen und Tiefen.

Die Patchwork-Familie.
Wenn ein Elternteil eine Beziehung mit einem neuen Partner eingeht, nannte man den früher Stiefmutter oder Stiefvater. Und die sind - wie wir aus Märchen wissen - böse und gemein. Heute nennt man eine neu zusammengewürfelte Lebensgemeinschaft Patchworkfamilie. Das klingt doch gleich viel lustiger- nach buntem Flickenteppich. Doch die Probleme sind die gleichen. Die "normale" Kleinfamilie, bestehend aus Mama, Papa, Kind ist heute nicht mehr die Norm. Einer Schätzung nach lebt heute jede siebte Familie als Patchworkfamilie zusammen. Dabei gibt es viele Varianten: Entweder bringt die Mutter ihre Kinder in die neue Beziehung mit. Oder der Vater. Oder die Kinder von beiden Elternteilen leben in der Familie. Manchmal leben auch Kinder aus einer früheren Beziehung bei dem Ex-Partner und kommen nur am Wochenende. Und schließlich kommen auch noch gemeinsame Kinder aus der neuen Beziehung hinzu. Dabei ist jede Patchworkfamilie anders. Anders in der Zusammensetzung, anders in ihrer Entstehungsgeschichte und anders in ihrem Familienleben. Es gibt keine Patentrezepte wie aus den einzelnen Familienmitgliedern eine Familie entsteht. Doch es gibt Beispiele, die Schule machen könnten.

Zwei Familien werden zum Riesenclan.
Getrampel, Stimmengewirr, die Glocke schrillt – die ersten Familienmitglieder sind eingetroffen. Erneut klingelt es und schließlich scheint das Wohnzimmer der Familie Kaiser proppenvoll. Väter begrüssen ihre Töchter, Mütter umarmen einander vertraut, Halbgeschwister herzen sich innig – und man fragt sich, wie kann es sein, dass sich hier alle gut verstehen? Wie kann es funktionieren, dass Halbgeschwister einander so akzeptieren? Ganz einfach, erklärt Wilhelmine Kaiser: „Wir haben beschlossen, dass wir das große Ganze sehen wollen. Und nicht den Kleinkram.“ Heisst, Streit auf dem Rücken der Kinder auszutragen, war immer tabu. Wilhelmine Kaiser resümiert: Nur wenn die Erwachsenen sich zurücknehmen, haben die Kinder eine Chance, mit der neuen Situation klar zu kommen.“ Denn bei all den Nachteilen, die eine Trennung mit sich bringt, eröffnen neue Konstellationen auch Freiräume, fernab von starren Vater-Mutter-zwei Kinder-Schematas.

Patchwork auf dem Land?
Auf dem Land, wo gerne mal das Heile-Welt-Bild bedient werden will, scheint die Neuordnung einer Familie keineswegs leicht. Denn gerade in einem 1000-Seelen Dorf - in dem es nur ein paar Geschäfte gibt und neugierige Menschen, die manchmal nur mit zusammengebissenen Zähnen ihre Ehe weiterführen - wird sofort registriert, wenn das Auto des Ehemannes einmal nicht vor der eigenen Türe steht, sondern ein paar Häuser weiter - vor der einer anderen Ehefrau. Elke Oberainer und Dieter Funke haben es gewagt, aus ihren nicht funktionierenden Ehen auszusteigen - um sich ein neues, glücklicheres Leben zu zimmern. Die Anfeindungen in ihrem Dorf und auch die der eigenen vier Kinder, haben es ihnen nicht leicht gemacht. Die Kinder weinen, schreien, es wird diskutiert und getröstet. Doch das Auf und Ab schweißt schließlich alle zusammen, die Kinder können den Elternteil, bei dem sie nicht wohnen, sehen so oft sie wollen. „Ich hätte nie gedacht, dass wir irgendwann so friedlich zusammensitzen.“ lächelt Elke Oberainer. Heute sind die Kinder glücklich mit der neuen Kostellation, auch wenn die Konflikte zwischen den Expartnern, die nach wie vor bestehen, manchmal zu Loyalitätskonflikten und Schuldgefühlen führen.

Eine Mutter plus ein Vater macht eine Familie. 
Wenn Kinder ihre Eltern verkuppeln, kann eigentlich kaum noch etwas schiefgehen, oder? Eines Tages beschließen Frederik und Susanne, dass sie mehr sein wollen, als nur Freunde. Viel lieber wären sie Geschwister. Praktisch, dass sowohl Frederiks Vater als auch Susannes Mutter geschieden und solo sind. So lässt sich Frederik immer häufiger von seinem Vater bei Susanne abholen, die beiden Kinder arrangieren gemeinsame Besuche im Freizeitpark – und ein kleines Wunder geschieht: die Mutter von drei Töchtern und der Vater eines Sohnes verlieben sich tatsächlich in einander. Genauso wundervoll ist es, dass man der Familie heute, drei Jahre nach der Hochzeit, nicht mehr ansieht, dass sie einmal aus zwei Familien bestand. "Ein großer Vorteil war, dass sich die Kinder bereits kannten - und vor allem auch mochten." erzählt Helmut. So mussten Bianca und Helmut nicht gegen Widerstände ankämpfen - und die Kinder haben heute das Gefühl, etwas gewonnen zu haben. Schließlich leben auch die Expartner der Eltern ganz in der Nähe: „Und die Kinder wissen, dass sie keine Entscheidung für den einen oder anderen treffen müssen.“

Alternative Familienformen stellen also große Herausforderungen an alle Mitglieder der Familie: Man braucht Mut, Geduld und viel Toleranz. Gleichzeitig bieten Patchwork-Familien jedoch auch große Chancen. Kinder, die in alternativen Familienformen aufwachsen, sind laut Familienforschern eher in der Lage Verantwortung zu übernehmen, sensibler auf gesellschaftliche Diskriminierungen zu reagieren und verfügen über flexiblere Rollenauffassungen von Mann und Frau, als Kinder aus traditionellen Familien. Na wenn das so ist: Let´s patchwork.


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