AUTOR: ADRIENNE FRIEDLAENDER
FOTO: FRANK EIDEL
Eine Schnuppertour für Einsteiger mit der Transsibirischen Eisenbahn.
Tatjana trägt ein blaues, mit Goldtressen verziertes Kostüm. Stolz steht sie vor ihrem Waggon auf Gleis 4 des Jarowslawler Bahnhofes in Moskau . Sie ist Prowodniza, Schaffnerin, des Waggons Nummer neun der berühmtesten Bahn der Welt: der Transsibirischen Eisenbahn. Sie und ihre Kolleginnen sind die guten Seelen des Zuges. Tatjana hilft Annegret und Klaus, ihren riesigen Koffer auf die Ablage im Abteil Nr. 4 zu wuchten. Das Ehepaar aus dem Osten Berlins ist mit der russischen Sprache aufgewachsen und gehört zu den wenigen Reisenden, die sich mit Tatjana verständigen können. Denn keine der Prowodniza versteht oder spricht auch nur ein einziges Wort Deutsch oder Englisch.
Seit mehr als 100 Jahren durchquert die Transsibirische Eisenbahn Russland, das größte Land der Welt, von West nach Ost. Der Zug Nr. 2, der Rossia, macht sich an jedem unregelmäßigen Tag vom Jarowslawer Bahnhof aus auf den 9.000 Kilometer langen Weg nach Wladiwostock. Russische Sprachkenntnisse und eine große Portion Abenteuerbereitschaft sind dafür erforderlich, denn die 17tägige Fahrt im Regelzug bietet wenig Komfort.
Daneben werden aber aber auch komfortablere Sonderzüge und auch andere Reiserouten angeboten: von Moskau nach Peking, bis zum Baikalsee, oder eine Mongolei-Rundreise. Die Auswahl ist groß und für Reisende, die weniger Zeit haben oder erst einmal das Reisen mit dem Zug kennen lernen möchten, sind auch kurze Teilstrecken buchbar, das geschichtsträchtige, geheimnisvolle und Mythen umwobene Sibirien kennen zu lernen.
Tatjana wirft einen prüfenden Blick über den Bahnsteig. Alle Passagiere an Bord des Sonderzuges „Zarengold“? Ein letztes Mal werden die Bremsen überprüft. Ihr wiederholtes Zischen kündet die nahende Abfahrt des Zuges an. Dann fallen krachend die schweren Waggontüren zu und der Zug gleitet würdevoll aus dem Bahnhof: Die Reise nach Sibirien, in das schlafende Land, beginnt.
Annegret und Klaus haben ihr Gepäck verstaut und sich in ihrem Zweibett-Abteil häuslich eingerichtet. Auf dem kleinen Tisch vor den goldgemusterten Gardinen steht ein kleines Fläschchen Wodka und ein Packung Kekse zur Begrüßung. Zwar ist das Abteil der Kategorie „gehobener Standard“ nicht gerade riesig, es bietet aber genug Stauraum und Platz, um bequem zu reisen.
Vor der offenen Schiebetür des Waggons steht ein Topf mit geschälten Kartoffeln, beinah halb so groß wie die vier Quadratmeter große Bordküche. Jede der Köche im Zug versorgt zwei Waggons. Alexander, Chefkoch auf dieser Reise, ist einer von ihnen. Er hat keine Zeit für die Mythen und Legenden der berühmten Bahnstrecke. Zwölf Stunden täglich hat er mehr als genug damit zu tun, drei Mahlzeiten für die rund 80 Gäste zuzubereiten „Ich habe schon für Putin, Jelzin, Breschnew und den Scheich von Brunei gekocht“, erzählt der 50jährige stolz. Für die Fahrgäste des Sonderzuges gibt es heute Rassolnik „Leningrad“, eine Fleischsuppe mit sauren Gurken, danach „Rindfleisch nach russischer Klosterart“. Eine gute Grundlage für das erste Glas Wodka an Bord.
Im Speisewagen beeindruckt Kellnerin Lyudmilla beim Abendessen mit dem zielsicheren Einschenken des Nationalgetränkes - aus einem halben Meter Höhe. Für das Wodkatrinken gibt es in Russland feste Regeln: Getrunken wird nur zum Essen gemäß dem alte russischen Sprichwort „Trinken ohne Trinkspruch ist Trinksucht“. Nasdarowje! Wir trinken auf die Gesundheit und eine gute Reise, während die Abendsonne langsam hinter den Wäldern versinkt.
Satt und zufrieden kehren die Gäste zurück in ihre Abteile. Tatjana hat bereits die Kissen aufgeschüttelt und die Betten hergerichtet. Aus dem Abteilfenster reicht der Blick weit hinauf in den russischen Sternenhimmel. Das gleichmäßige „Tatam, Tatam, Tatam“ lullt die Reisenden ein und begleitet sie tief bis in ihre sibirischen Träume. Ab und zu fällt mitten in der Nacht plötzlich ein Lichtstrahl durch das Abteilfenster und durchbricht für einen kurzen Moment die schwarze Nacht - wenn der Zug mit quietschenden Rädern bremst und für einige Minuten auf einem kleinen Bahnhof in Nirgendwo verweilt.
Holzhaussiedlungen, Birkenwälder und Seen fliegen am Abteilfenster vorbei, Bahnarbeiter in orangefarbenen Westen winken. Mal gleitet der Zug sanft über die Gleise, mal schwanken die Passagiere wie bei hohem Seegang durch die Gänge. Dann, so sagt man, fährt der Zug die„galoppierende Strecke“ und die Waggons donnern wie eine Herde Wildpferde schaukelnd über die Gleise.
Manchmal hält der Zug in einer der Städte entlang der Strecke für einige Stunden. Genug Zeit für einen Stadtrundgang. Auch in Kasan an der Wolga. Schon von weitem leuchten die türkisfarbenen Kuppeln der Kul-Scharif-Moschee, der größten Moschee Russlands, Symbol des friedlichen Zusammenlebens der muslimischen und orthodoxen Bevölkerung Tatarstans. Nach der Besichtigung der Hauptstadt der Tataren geht es am Abend weiter gen Osten. Jeder Ort erzählt auf seine Art ein wenig von der Geschichte Russlands.
Am Morgen des vierten Tages überfahren wir die Europa-Asien Kontinentgrenze. Erst jetzt, östlich des Urals, beginnt Sibirien. Je weiter wir in das „schlafende Land“ vordringen, desto dünner erscheinen auf wundersame Weise auch die Stämme der Birken. In einer Landschaft, in der der Winter neun Monate dauert, haben Pflanzen wenig Zeit zum Wachsen. Sibirien, ist 30 Mal so groß wie Deutschland - Unendlichkeit bekommt hier noch einmal eine andere Bedeutung.
Wie ein Schiff die Weltmeere überquert der Zug Längengrad um Längengrad. Das rhythmische Rattern und Schaukeln scheint eine nahezu meditative Wirkung zu haben. Die Gäste liegen entspannt auf ihrem Bett, verfolgen auf der Landkarte die zurück gelegte Strecke oder stehen, den Blick in die Ferne gerichtet, einfach nur träumend auf dem Gang. Tag für Tag werden die Uhren vorgestellt. Wen kümmert es – die Zeit verliert auf dieser geruhsamen Reise langsam an Bedeutung. Das geflügelte Wort „Der Weg ist das Ziel“ könnte auch auf einer Reise durch Sibirien entstanden sein.
Wieder einmal hält der Zug an einer kleinen Bahnstation, um die Lokomotive samt Lokführer auszuwechseln und neues Wasser zu tanken. Mechaniker kontrollieren hämmernd die Räder. Victor Panarin, der 61- jährige Zugdirektor, läuft geschäftig auf dem Bahnsteig auf und ab und überwacht die Wartungsarbeiten. Zeit für die Reisenden sich ein paar Minuten die Beine zu vertreten.
Die Frauen aus den umliegenden Dörfern haben bereits auf den Zug gewartet. In ihren Schürzenkleidern stehen sie mit schwer beladenen Stofftaschen und üppig gefüllten Handwagen auf dem Bahnsteig und bieten den Gästen ihre Waren an: Getränke und getrockneten Fisch, Himbeeren und Häkelstolas. Und Pelzmützen für den nahenden Winter. Nur aus Spaß probiert Tatjana lachend eine Mütze auf. Für Spontankäufe auf der Strecke reicht ihr Gehalt nicht.
Klaus und Annegret kaufen ein Schälchen frischer Beeren. Es wird probiert und gehandelt bis das mittlerweile bekannte Zischen der Bremsen die nahende Abfahrt ankündigt. Die Passagiere eilen zum Zug, denn ab und zu kommt es schon vor, dass ein Fahrgast die Abfahrt verpasst und allein zurückbleibt, bis der nächste Zug ihn mitnimmt – kein angenehmer Gedanke.
Für Tatjana, Prowodniza von Waggon Neun, bedeutet die Fahrt auf den längsten Schienen der Welt vor allem eine lange Trennung von der Familie. Die Schönheit der Landschaft? Darüber hat sie noch nicht nachgedacht: „Immer viel, viel Arbeit im Waggon“, sagt sie und zuckt nur die Schultern. Aber außer Tatjana gibt es wohl Niemanden im Zug, der immun ist gegen die Einzigartigkeit der Landschaft. Nicht einmal Zugdirektor Victor Panarin, der die Strecke regelmäßig fährt: „Vor drei Jahren habe ich einmal meine Frau mit auf die Reise genommen“, erzählt er und seine braunen Augen glänzen. „Sie hat geweint, so hat die Schönheit der Natur sie überwältigt. So geht es mir auch heute noch auf jeder Fahrt. Die Faszination der Strecke ist wie ein Rauschgift!“
Viel zu früh endet meine Schnupperstrecke am fünften Tag der Reise in Novosibirsk. Gelangt hat die Zeit jedoch, um auch mich mit dem Sibirien-Rausch zu infizieren. Es bleibt der Wunsch zurück zu kehren und die Strecke weiter zu fahren, durch die endlose Ferne des schlafenden Landes – soweit die Schienen führen. Man sagt, „ die Schienen singen“, wenn die Waggons fast geräuschlos über die Gleise zu fliegen scheinen. Die Melodie der Reise klingt lange nach.




