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Benedikt Jansen
Kempten

AUTOR: NADINE ROBAUSCH
FOTO: SALEWA KLETTERSTEIGSCHULE BERCHTESGADEN

Freeclimbing in luftigen Höhen ist nicht jedermanns Sache. Ganz zu schweigen von dem Können, das eine unbefestigte Wand dem Kletterer abverlangt. Was also tun, wenn der Berg trotzdem ruft?

Via Ferrata.
Eine gute Alternative, wenn man noch keinen spektakulären Aufschwung zu wagen imstande ist, sind Klettersteige. Der erste Klettersteig wurde 1492 im französischen Dauphiné gebaut, als König Charles VIII. den Mont Aiguille, den "Unbesteigbaren", von seinem Offizier einnehmen ließ. Ein Sturmleiterspezialist begleitete den Offizier, so war die Besteigung des imposanten Felsens überhaupt erst möglich. Es war die Geburtsstunde des Alpinismus. In Mode kamen Klettersteige erst rund 400 Jahre später. Ab 1843 wurde der Dachstein in der Steiermark mit Eisen gesichert, ab 1873 die Zugspitze. Heute zieren zehntausende Meter Stahlseil und Bohrhaken den europäischen Fels, allein in Deutschland gibt es ungefähr vierzig Kletterwege. Sogenannte „Via Ferratas“, was so viel bedeutet wie „Eisenweg“, boomen. Die befestigte Steiganlage in einem Gebiet, in dem sich ein normaler Wanderer aufgrund der Absturzgefahr nicht mehr fortbewegen könnte, ermöglicht durch fest installierte Eisenstifte und Eisleitern das Fortkommen des Kletterers. Zusätzlich bewahrt ein durchgehendes Drahtseil, in das man sich einklinkt, vor dem Absturz. Dadurch hat die Begehung eines Klettersteigs noch einen weiteren Vorteil: Man benötigt keinen zweiten Seilpartner. Doch Vorsicht: Dies ist eine verlockende Unabhängigkeit, die mit großem Respekt und Verantwortungsbewusstsein gegenüber sich und anderen genossen werden muss. Grundsätzliche Voraussetzung dafür, sich in einen Klettersteig zu wagen ist es, absolut schwindelfrei und trittsicher zu sein. Außerdem ist eine gute Ausdauer und Muskelkraft, vor allem in den Armen, unbedingt notwendig. Eine Faustregel: Klettersteiger sollten ohne Probleme zehn Liegestütze, fünf Klimmzüge und eine Stunde Joggen meistern. Erst dann sind sie fit für den Berg. Doch auch wer über diese Voraussetzungen verfügt: in vielen „Via Ferratas“ wird enormes Können abverlangt, das kein Anfänger erbringen kann.

Vorsicht: Akute Überschätzungsgefahr.
Von leichten Pfaden mit geringer Steigung bis hin zu Sportklettersteigen mit besonders kniffligen Kletterpartien sind in Deutschlands Klettersteigen alle Schwierigkeitsstufen vertreten. Sogar für Kinder und Senioren gibt es Klettersteige, die deren Kraft- und Ausdauerreserven entsprechen. Doch mit der Anzahl von Klettersteigbegeisterten steigt auch die Anzahl der Bergrettungseinsätze – denn viele überschätzen sich und die eigenen Fähigkeiten. Und nicht selten lassen die Kräfte nach und der Klettersteig überrascht mit unüberwindbaren Passagen, wo es weder vor noch zurück gibt. Die Bergrettung rückt aus. Das muss nicht sein, meint Michael Grassl, Präsident des Verbandes deutscher Berg- und Skiführer und seit vielen Jahren Bergführer: „Viele Menschen überschätzen sich bei der Klettersteig-Begehung, die ständige Verbindung zum festen Drahtseil schenkt auf den ersten Blick Vertrauen. Ein Vertrauen, das nicht selten gefährlich werden kann.“ Klares Ziel des Verbandspräsidenten ist es deshalb, Menschen optimal auf die Begehung von Klettersteigen vorzubereiten, ihnen Wissen zu vermitteln, das sie befähigt, sich eigenständig in der Horizontalen zu bewegen.

Auf in die Klettersteigschule.
Deshalb eröffnete der Verband deutscher Berg- und Skiführer gemeinsam mit SALEWA Deutschland die erste Klettersteigschule in Berchtesgaden. Und die Verantwortlichen sind sicher, dass die Schule einen großen Mehrwert – vor allem für Anfänger – bietet: Die Kurse decken von der Materialkunde bis zur Lösung technischer Aufgaben am Fels sowohl die Bedürfnisse von Anfängern, aber auch von Fortgeschrittenen. 65 Euro für einen 6-stündigen Kurs sind zwar eine Investition, lohnt sich aber auf alle Fälle: Neben der Einführung in die Klettersteigausrüstung (die übrigens jedem Teilnehmer zur Verfügung gestellt wird), der Begehung von Übungsklettersteigen, der Technik und Taktik in schweren Klettersteigen stehen auch Übungen zur Selbstrettung auf dem Programm.

Vielleicht die schönsten Klettersteige Deutschlands.
Der Höllentalsteig liegt am höchsten Berg Deutschlands, der 2.962 Meter hohen Zugspitze. Der mittelschwere Klettersteig südlich von Garmisch Partenkirchen fordert eine gute Kondition: Bei circa 7:30 Stunden Begehungszeit kommen leidenschaftliche Kletterfans auf ihre Kosten. Landschaftlich ist der Steig äußerst reizvoll. Eine facettenreiche Tour, die nicht mehr ohne Steigeisen betreten werden darf, da im oberen Bereich ein kleiner Gletscher gequert wird.

Der Pidinger Klettersteig befindet sich in den Berchtesgadener Alpen nördlich von Bad Reichenhall. Er ist ein steiler und anspruchsvoller Klettersteig, der teils steinschlaggefährdet ist - Helm nicht vergessen! Manche Bereiche sind sehr rutschig, aus diesem Grund ist der Steig auch fast durchgehend mit Stahlseilen gesichert. Eine gute Trittsicherheit, Kondition und Schwindelfreiheit sind hier absolut vonnöten. Steile Wände, Querungen, Tiefblicke, Anstiege –alles, was eine abwechslungsreiche Tour ausmacht, wird hier geboten. Den Steig aber lieber nachmittags oder im Spätherbst begehen, da er häufig gut besucht ist.

Die Watzmann-Überschreitung gehört mit Sicherheit zu den großen Alpentouren. Sie ist eine Mischung von Bergwanderung und Klettersteig. Der Steig nimmt mit einer Gehzeit von 12 Stunden viel Zeit in Anspruch und sollte - wenn man ihn mit seiner wirklich sensationellen Aussicht ausgiebig genießen möchte - über zwei Tage beklettert werden. Die großartige Überschreitung ist technisch eher im unteren Bereich einzuordnen, doch ein wenig Bergerfahrung, eine gute Kondition und stabiles Wetter sind für eine erfolgreiche Begehung hilfreich.

Klettersteige ermöglichen also selbst Amateuren die Besteigung imposanter Gipfel, die ihnen sonst verwährt bleiben würden – das Erlebnis Berg wird zum Abenteuer für jedermann. Mit Fitness, guter Ausrüstung, Training und auch ein wenig Mut kommt die Begeisterung von ganz allein. So ließ sich selbst Reinhold Messner - eher ein Gegner der Klettersteige, aus Angst, die Untauglichen würden die Berge überfluten - in Hinblick auf den Klettersteig-Begeisterten zu folgendem Satz hinreißen: „Wer so ergriffen ist, dem kann man das Erlebnis Berg nicht abspenstig machen.“


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