AUTOR: SANDRA WINKLER
FOTO: HAUKE-CHR. DITTRICH/FOTOLIA
Was soll ich denn auf Juist? Auf dieser Mini-Insel vor Ostfriesland, auf der die Eltern meines Freundes seit gut 20 Jahren Urlaub machen? Jedes Jahr wieder, mindestens einmal. Dort treffen sie immer dieselben Leute, wohnen immer in der gleichen Pension. Alles sei so herrlich familiär, so schön vertraut, sagen sie. Wie unaufregend, sage ich.
Was soll ich also auf Juist?
Doch wie das so ist mit der Nostalgie, mein Freund möchte nach Jahren wieder auf die Insel, wo er als Kind schon mal war. Also sitzen wir im Zug von Berlin nach Norddeich Mole. Das Land wird immer flacher, der Schaffner grüßt mit einem lang gezogenen „Moin“, die Ansagen sind gegen Ende auf Plattdeutsch: „In poar Minüten sünd wi in ...“ Von Norddeich Mole braucht die Fähre noch einmal eineinhalb Stunden bis nach Juist. Am Hafen warten bereits die Gepäckträger der Hotels und packen die Koffer in einen Anhänger hinter ihren Fahrrädern. Auf der Insel sind Autos verboten. Räder und Pferdewagen sind die einzigen Alternativen zu den eigenen Füßen. Und auf wen kein Kofferträger wartet, der schnappt sich einen der bereitstehenden Handwagen seiner Pension und rollert selbst los. Der Hauptort, in dem fast alle Pensionen und Hotels liegen, ist nur fünf Minuten vom Hafen entfernt.
Die Inselfakten hat mein Freund schnell erzählt: 17 Kilometer lang und teilweise nur 500 Meter breit sei sie. An der Nordseite zieht sich der feinsandige, weiße Strand entlang, im Süden kommt bei Ebbe das Watt zum Vorschein. In der Inselmitte liegt der Ort Juist, der auch einfach nur „Dorf“ genannt wird. Sehenswürdigkeiten gibt es keine. Alles sehr überschaubar. Daher haben wir am nächsten Morgen nur eine Entscheidung zu treffen: Wollen wir nach links, also an die Westspitze der Insel, oder nach rechts, zur Ostspitze? Wir nehmen die erste, längere Tour, leihen uns Fahrräder und strampeln los.
Unser Ziel: die „Domäne Bill“. Der einzige Weg dorthin führt zwischen Salzwiesen und Dünen hindurch. Ein paar entgegenkommende Radfahrer brausen an uns vorbei. Die Glücklichen. Sie haben Rückenwind. Uns zwingt die steife Brise zum Schritttempo. Schon von Weitem sehen wir das rote Haus einsam aus den Dünen ragen. Davor steht ein Dutzend Fahrräder. Das Café ist Ausgangspunkt für Wanderungen um das Billriff. Bevor wir uns wieder gegen den Wind stemmen und Ausschau nach Seehunden halten, stärken wir uns mit Krabben und Matjes auf Schwarzbrot. Auf dem Rückweg gibt es eine Kanne Ostfriesentee und ein Stück des legendären Rosinenstutens mit Butter, der stapelweise an die Tische getragen wird. Am nächsten Tag geht es in die andere Richtung. Dort ist das Ausflugsziel der Inselflughafen. Von der Terrasse des Cafés beobachten wir bei Kaffee und Kuchen die kleinen Maschinen bei Start und Landung. Hat man genug in den Himmel geschaut, liegt gleich hinter den Dünen einer der schönsten Strände der Insel und ein Stück weiter die Ostspitze Kalfamer, eine Sandbank, auf der sich gern Seehunde sonnen.
Mit dem Flugzeug kommt, wer von der Fähre unabhängig sein will.
Wegen Ebbe und Flut fährt sie meist nur einmal am Tag. Die Propellermaschinen hingegen starten und landen mehrmals täglich. Vorausgesetzt die Sicht ist klar und der Wind nicht zu stark. Sonst steht beim Zeitungsladen Poppinga das Schild: „Nebel! Keine Zeitungen!“
Wer auf der Insel ist, muss sich ihrem Rhythmus anpassen. Mal eben „rüber nach Deutschland“, wie die Juister das Festland nennen, das geht nicht. Man kann also gar nicht anders, als zur Ruhe kommen. Dabei hilft, dass die Tage auf Juist angenehm berechenbar sind, mit Abläufen, so regelmäßig wie Ebbe und Flut: Jeden Tag, außer montags, spielt in der Saison das Orchester in der Konzertmuschel auf dem Kurplatz. Jeden Nachmittag um vier Uhr schiebt Galt Noormann seinen Holzwagen die Strandstraße hoch und verkauft vor dem Rathaus Krabbenbrötchen, Räuchermakrelen und Fischfrikadellen – und das seit 40 Jahren. Auch Wattführer Heino Behring gehört zu den Juister Institutionen. Vor 46 Jahren trat er in die Gummistiefelstapfen seines Vaters Alfred, des ersten Wattführers Deutschlands, der gleich zweimal Gast in Robert Lembkes „Was bin ich?“ sein durfte. Auch Heinos Sohn Ino veranstaltet bereits Führungen. Das Watt und dessen Erhalt sind seit Generationen Familientradition.
Abends geht man vielleicht auf ein Glas Wodka-Feige in den „Hummer Köbes“ oder trinkt ein Bier in der „Spelunke“. Oder man besucht das Kino „Insel-Lichtspiele“, wo Filmfans heute noch während der Vorstellung Snacks und Getränke vom Platz aus ordern können. Einen kleinen Schalter umlegen, und schon kommt jemand, um die Bestellung aufzunehmen.
Eine der wenigen noblen Enklaven auf dem sonst nüchternen Eiland ist das „Hotel Achterdiek“. Hier tragen die Damen am Abend Perlenketten und die Herren schon mal dunkelblaue Jacketts mit Goldknöpfen. Auf einer Couch in der Kaminhalle plaudern neben uns Enkelin, Mutter und Großmutter über die Ereignisse des Tages: Radfahren, Fischessen, Strandspaziergang, das Übliche. „Die meisten Juist-Besucher kamen bereits als Kinder mit ihren Eltern auf die Insel“, sagt Elke Koßmann, die den Familienbetrieb leitet. „Spätestens wenn sie selber Kinder haben, kehren sie zurück.“ 70 Prozent ihrer Gäste seien Stammgäste. Am Wochenende lädt sie ein zu „Sektplaudereien“.
Persönlich soll es auch bei Annegret Coordes im „Haus AnNatur“ zugehen. Um Punkt 18 Uhr wird in dem einzigen Biohotel der Insel für alle Gäste ein vegetarische Bio-Vollwertkost-Menü serviert. Wer den Korkboden des Hauses betreten möchte, muss vorher seine Schuhe ausziehen. Also sitzen alle Bewohner in Pantoffeln oder Strumpfsocken an den Tischen. Nach dem Essen liest die Hausherrin eine Geschichte vor. An diesem Abend über die Fehde zwischen Juistern und Norderneyern, die seit über 200 Jahren besteht. Damals wurde nicht Juist, sondern Nachbar Norderney zum Staatsbad ernannt. Weshalb das schwerer zu erreichende Juist erst später und mit bescheidenen Mitteln den Badebetrieb aufnahm. Mit Blick auf die Silhouette von Norderney muss man wohl sagen: zum Glück. Betonklötze sind Juist bis heute erspart geblieben. Stattdessen thront das alte, weiße Kurhaus, das erst vor zwölf Jahren zum Hotel umgebaut wurde, über der Insel.
„Es sind besondere Menschen, die nach Juist kommen“, sagt Annegret Coordes. „Viele Gäste haben einen Titel, aber sie protzen nicht damit. Sie sind eher heimliche Reiche.“ Juist gehörte früher zu den armen Inseln, und bis heute hat man hier keine Ambitionen, ein zweites Sylt mit Cartier und Champagner zu werden. Sogar die Juister Architektur wirkt bescheiden: keine schicken weißen Häuser mit Reetdächern, stattdessen bodenständiger roter Backstein.
Die Einwohner von Juist geben sich seit jeher viel Mühe, dass die Insel ihren ganz eigenen Charme bewahrt. Veränderungen gibt es wenige. Der Letzte, der das Inselidyll aufmischen wollte, war ein junger Mann vom Festland, der von 2001 bis 2008 Bürgermeister von Juist war. Er ließ eine neue Seebrücke mit Aussichtsturm in Form eines gläsernen Segels bauen und den Yachthafen erweitern. Sechs Millionen umstrittene Euro hat das engagierte Projekt gekostet. Die Einheimischen nennen es deshalb sarkastisch „Klein-Dubai“.
Doch die entspannten Juister, ihre roten Backsteinhäuser, das Klappern der Pferdehufe auf dem Kopfsteinpflaster und der Geruch von Pferdeäpfeln in der Luft sind geblieben. Juist ist – wie erwartet – eine unaufregende Insel. Doch wenn man sich darauf einlässt, dann wandelt sich unaufregend in unaufgeregt – und dieses Gefühl totaler Gelassenheit ist auf jeden Fall eine Reise wert.




