AUTOR: ADRIENNE FRIEDLAENDER
FOTO: S. KÜLCÜ/FOTOLIA
Es riecht nach Wein, Hefe und Schwefel. Irgendwo klingelt ein Telefon. Ohne das Fließband aus den Augen zu lassen, fischt Christel Currle den Telefonapparat aus einer Kiste leerer Flaschen. „Wenn Sie am Freitagnachmittag kommen, ist es ruhig“, hatte die Winzerin versprochen. Doch davon ist nicht viel zu bemerken. 6000 Liter Wein sollen heute abgefüllt werden und seit sechs Uhr in der Früh stehen Christel Currle, Mutter Heiderose und Mitarbeiter Carlos Reyes am Fließband …
Stuttgart – Stadt der Autobauer und Winzer.
In Stuttgart werden nicht nur schöne Autos gebaut, sondern auch hervorragende Weine produziert. Die Lage der Stadt im Talkessel am Neckar bietet mit viel Wärme und Sonne ein perfektes Klima für den Weinanbau. So gehört Stuttgart nicht nur zu den größten Weinbaugemeinden Deutschlands, sondern ist auch die einzige Großstadt mit einem Städtischen Weingut. Umrahmt von Hügeln, Wäldern und Reben besticht die Schwabenmetropole durch ihren Kontrast zwischen Großstadt und Weinbergidylle. Auf individuellen oder geführten Weinwanderungen und Weinbau-Rundfahrten kann man entlang des Neckars die Weinstadt entdecken. Und überall auf dem Weg – ob auf exklusiven Degustationen, in urigen Gasthäusern oder einfachen Besenwirtschaften – gibt es am Wegesrand zum regionalen Wein auch immer „äbbes Schwäbisch´s“ (etwas Schwäbisches) zum Viertele. Das ganze Jahr über bietet die Landeshauptstadt Veranstaltungen rund um die Rebe. Höhepunkt ist das jährlich Ende August stattfindende, traditionelle Stuttgarter Weindorf – die „Botschaft der schwäbischen Lebensart“, wie die Stuttgarter das Weinfest nennen.
Die einzige Frau mit eigenem Weingut.
Vorbei an der Grabkapelle des Königs von Württemberg, durch Hügel, Wälder und Weinberge, schlängelt sich die Württembergische Weinstraße vom Stuttgarter Zentrum bis nach Uhlbach. Sehenswert ist besonders das Weinbaumuseum: Von der Römerzeit bis heute erfährt der Besucher alles über Weinkultur und die Weinbautradition der Stadt.
Hier liegt auch das Weingut von Christel Currle, der einzigen Frau im Stadtgebiet mit eigenem Weingut. Der Weinanbau hat eine lange Tradition in der Familie: Schon Großvater Currle hat auf den Bergen in Uhlbach Wein angebaut. Er gründete damals die örtliche Genossenschaft und belieferte diese bis 1974 mit seinem Wein. Eine Generation später wollte Sohn Fritz – also Christel Currles Vater – dann lieber selbst herausfinden, was aus seinen Trauben wird und eröffnete sein eigenes Weingut. „Eigentlich war ich mir als kleines Mädchen immer ganz sicher, einmal Floristin zu werden“, erzählt Christel Currle und ihre Augen blitzen fröhlich, „aber dann kam alles ganz anders – manche Dinge lassen sich eben einfach nicht erzwingen.“ Heute kreiert Christel Currle statt prächtiger Blumensträuße wohl mundende Weine wie Riesling, Spätburgunder und Trollinger. Nach zehn Jahren Erfahrung im elterlichen Betrieb hat die gelernte Technikerin für Wein und Kellerwirtschaft vor zwei Jahren den Betrieb von Vater Fritz ganz übernommen.
„Dohannahocketdiawoällaweildahannahocket“ – alles klar?
Ebendieser Schriftzug thront über dem einfachen Holztresen im Keller der Currles. Übersetzung für Nicht-Schwaben: Hier hocken die, die hier immer hocken. Zweimal im Jahr, im Oktober während der Weinernte und im März, öffnet die Familie Currle – wie viele andere Winzer in der Region – für einige Wochen ihre Besenwirtschaft: Diese Tradition reicht zurück bis ins Jahr 791. Karl der Große förderte nicht nur den Weinbau, sondern sorgte sich auch um die Finanzen seiner Bürger. So durften die Bauern in den Besenwirtschaften auch ohne Schankkonzession Wein ausschenken – bis vor einigen Jahren geschah dies in den Wohnräumen der Bauern: Die Besenwirte räumten einfach die gute Stube und bewirteten dort ihre Gäste mit hauseigenem Wein. Aber auch heute sitzt man im „Besa“, wie die Besenwirtschaften auch genannt werden, oft noch unter alten Familienbildern, in einer umgebauten Scheune oder im Keller des Hofes. Die Besenwirtschaft der Familie Currle wurde von Heiderose Currle nach ihren drei Töchtern benannt: „Besenwirtschaft zum Dreimädelhaus“. Hier serviert sie Freunden, Ausflüglern und eben „denen, die hier immer hocken“ zu Tochter Christels Weinen deftige Hausmannskost, wie selbst gemachte Maultaschen, schwäbischen Wurstsalat und Schlachtplatten.
Hoch oben auf dem Kriegsberg.
Wer es gern eleganter hat, der speist jedoch im Haus Belvedere auf dem Kriegsberg, wo bereits seit dem 13. Jahrhundert Wein angebaut wird. Die Weinberge mitten im Zentrum sind ein Stück Stuttgarter Kultur und gehören in das Stadtbild. So stehen die Reben des Kriegsberges am Hauptbahnhof auch unter Naturschutz. Seit 1952 baut die Industrie- und Handelskammer (IHK) jährlich 3.000 bis 8.000 Liter der beliebten Trollinger- und Rieslingweine an. In den Genuss der Handelskammer-Traube kommen außer hohem Staatsbesuch allerdings nur die Mitarbeiter und Ehrenamtlichen der IHK. Weit schweift der Blick vom Kriegsberg über den gesamten Talkessel, den ersten Stahlbeton-Fernsehturm der Welt, die Mercedes Benz Arena und den Bahnhof bis nach Bad Cannstatt, dem ältesten Bezirk der Landeshauptstadt und Sitz des Städtischen Weingutes. Hier auf den historischen Innenstadtweinbergen werden die Lagen „Stuttgarter Mönchhalde“, „Cannstatter Zuckerle“ und „Cannstatter Halde“ angebaut – keine leichte Aufgabe auf den oft steilen Mauerterrassen der Stadtberge. Neben der Weinverkostung bietet das Städtische Weingut seinen Gästen Genuss für alle Sinne: So etwa, wenn der Travertinkeller, der Gewölbekeller des Weingutes, sich während der „Krimiwoche im Weingut“ vom Verkaufs- und Lagerraum in eine stimmungsvolle Theaterkulisse verwandelt.
Wein ist Leidenschaft, flüssige Poesie und Individualität, sagte die Württembergische Weinkönigin einmal in ihrer Begrüßungsrede zur Eröffnung des Stuttgarter Weindorfes. Viel Zeit, um über „flüssige Poesie“ nachzudenken, bleibt Christel Currle im Laufe ihres Zwölf-Stunden-Arbeitstages nicht. Denkt sie noch manchmal an ihren Floristen-Traum? Lachend winkt sie ab: „Heute gelingt es mir ja nicht einmal mehr aus drei Tulpen einen Strauß zu binden.“




