"Ich fühle mich besser, jemandem zur Seite zu stehen, der durch einen Kunstfehler aus der Bahn geworfen wurde, anstatt einer Versicherung."

"Der Beruf ist mein Hobby."

DR. KATHARINA WAIBL

Arzthaftungrecht
München

Die Qual der Wahl, oder: Warum es auch Mehrfachbegabte nicht immer leicht haben, den richtigen Beruf zu finden. Nachvollziehen lässt sich dies am Beispiel einer jungen Dame, die sich gegen Ende ihrer Schulzeit für ein Studium entscheiden muss. Die Naturwissenschaften liegen ihr besonders gut, sie könnte sich vorstellen, Biologie zu studieren, ebenso fühlt sie sich von der Architektur angesprochen. Aber auch Medizin würde sie lebhaft interessieren. Doch da gibt es einen Gesichtspunkt, der für sie schließlich ausschlaggebend ist: Sie will dazu beitragen, dass es in dieser Welt mehr Gerechtigkeit gibt. Also immatrikuliert sie sich im Wintersemester 1977 an der Ludwig-Maximilian-Universität in München in der juristischen Fakultät.

Wenn Katharina Waibl in diesen Tagen über die Anfänge ihrer Berufslaufbahn spricht, dann tut sie dies in dem absoluten Bewusstsein, das Richtige gewählt zu haben. Zwar kommt ihr das Studium höchst langweilig vor – so sehr ödet sie das Sachenrecht mit seinen Vertragsklauseln an, dass sie schon nach einem halben Jahr keine Vorlesungen mehr besucht – mit Ausnahme von Strafrechtler Claus Roxin, dessen Eloquenz sie schätzt. Und folgerichtig mit Blick auf ihre Vorstellungen in Sachen Gerechtigkeit möchte sie entweder die richterliche Laufbahn einschlagen oder eben Anwältin werden, keinesfalls aber als Juristin in irgendeinem Unternehmen oder einer Verwaltung landen.

Prägend für alles Folgende ist dann eine Assistententätigkeit an dem Lehrstuhl von Professor Wolfgang Fikentscher, wo sie ihre Dissertation im Bereich des Arzthaftungsrechts schreibt, jenem Fachgebiet, dem sie bis heute treu geblieben ist. Nach dem zweiten Examen beginnt sie ihre berufliche Tätigkeit in der Kanzlei, in der sie sich an der Seite des renommierten Professors Klaus Ulsenheimer in Arztstrafrecht und Arzthaftungsrecht die ersten Sporen verdient. Allerdings: In den drei Jahren, in denen sie dort tätig ist, vertritt sie in den Prozessen die Ärzte bzw. die Versicherungen, die bei ärztlichen Kunstfehlern in Anspruch genommen werden. „Da habe ich einige Fälle auf den Tisch bekommen, die ich nicht gerne vertreten habe. Aber was bleibt einem als Angestellte schon übrig …“, so sinniert Katharina Waibl heute über diese Zeit, in der in ihr der Entschluss reifte, die Seiten zu wechseln. Denn hin und wieder nehmen solche Verfahren mit Blick auf die Opfer kaum nachvollziehbare Züge an.

Also verlässt sie die Sozietät und wird selbstständige Rechtsanwältin in diesem Fachgebiet, allerdings fürderhin als Vertreterin von Geschädigten. 2007 dann gründet sie ihre eigene Kanzlei Waibl, Jobst & Partner, wo sie insgesamt zu fünft alle Hände voll zu tun haben. Und hier nun, als Partnerin, fühlt sich Katharina Waibl in einer wesentlich anderen Position, hier kann sie auch Nein sagen. Beispielsweise weil sie das Gefühl hat, dass hier jemand unberechtigterweise versucht, etwas herauszuschlagen. Oder wenn es sich um Gebiete handelt, die ihr zuwider sind, wie irgendwelche vorgeschützten oder tatsächlichen Kunstfehler bei kosmetischen Operationen.

Das aber sind wirklich die Ausnahmen. Ansonsten sieht sie in ihrer Tätigkeit nicht nur Beruf, sondern auch Berufung. Berufung dort, wo es darum geht, die in aller Regel schwächere Seite zu vertreten. „Ich fühle mich besser, jemandem zur Seite zu stehen, der durch einen Kunstfehler aus der Bahn geworfen wurde, anstatt einer Versicherung, der es letztlich allein darum geht, die Ansprüche mit allen Mitteln abzuwehren. (Lesen Sie mehr zum Thema: Behandlungsfehler und Patientenrechte). Auf der einen Seite stehen Schicksale, auf der anderen nur Geld“, so lautet zusammengefasst ihr Credo. Und was ihr an der jetzigen Rolle noch gefällt: „Ich muss niemandem nach dem Mund reden. Wenn ich einen Fall für unglaubwürdig halte, dann kann ich sagen: Es tut mir leid, ich kann Sie nicht vertreten. Eine Haltung, die man sich auf der Gegenseite nicht leisten kann.“

Die Fälle freilich, mit denen sie sich befasst, jagen ihr mitunter „absolutes Entsetzen“ ein. Es gibt Bilder, so sagt Katharina Waibl, die ihr lange nicht aus dem Kopf gehen. „Man wird demütig“, so sagt sie, „man lernt das, was man hat, anders zu schätzen.“ Umso befriedigender ist es dann, wenn man aktiv werden kann, wenn man solchen vom Schicksal gebeutelten Menschen helfen kann, damit sich zu den körperlichen Behinderungen nicht auch noch die blanke finanzielle Not gesellt. Sie schätzt die geistige Herausforderung, die in jedem dieser Fälle steckt, zumal es hier nicht nur um das Rechtsgebiet geht. Vielmehr geht es in jedem Fall um ein anderes medizinisches Problem, in das sie sich einarbeiten muss. „Nie im Leben möchte ich nur Blechschäden regulieren“, das wäre für Katharina Waibl so ziemlich genau das Gegenteil zu jener anspruchsvollen Materie, mit der sie es tagtäglich zu tun hat. Dazu gehört in diesem Metier vorrangig die Zusammenarbeit mit Gutachtern, die sich dann sachlich und hilfreich entwickelt, wenn diese von der Seriosität des juristischen Partners überzeugt sind.

Eine solche vertrauensvolle Zusammenarbeit trägt dann Früchte, wenn es um einen Fall wie folgenden geht: Bei der Geburt eines Kindes trat eine Erkrankung des Neugeborenen mit einer Salmonellen-Meningitis ein. Auslöser war die Tatsache, dass im Krankenhaus im Zimmer der Mutter eine Patientin mit dieser Erkrankung lag und die Mutter auf diese Weise angesteckt wurde. Über die Muttermilch gelangten nun die Salmonellen in das Gehirn des Säuglings und verursachten dort schwere geistige Schädigungen. Durch unzureichende Rechtsberatung und sonstige Versäumnisse sowie unentwegter Einsprüche der Gegenseite dümpelte das Verfahren ganze zehn Jahre vor sich hin. Trotz eines Schiedsspruchs zugunsten des Betroffenen verweigerte die Versicherung die Zahlung kurz vor Fristablauf mit dem Hinweis auf ein neues Gutachten, das zu einem anderen Ergebnis komme. Die Krankenkasse des Geschädigten, der die Sache dann doch zu bunt wurde, betraute schließlich Katharina Waibl mit dem Fall – und dem Ergebnis, dass er innerhalb von eineinhalb Jahren mit einer für den Geschädigten sehr befriedigenden finanziellen Abfindung abgeschlossen werden konnte.

Wenn sie von solchen und anderen ähnlich gelagerten Fällen erzählt, dann fühlt man etwas von der Empathie, mit der Katharina Waibl ihre Klienten begleitet. Und man versteht, warum sie sich in ganz frühen Jahren entschlossen hat, dieses Rechtsgebiet zu wählen. Dass sich alles so wohl gefügt hat, wie es heute ist – dass sie sowohl beruflich als auch privat fast wunschlos glücklich ist (Ausnahme: „Mein einziger Wunsch wäre, schön singen zu können“) –, das liegt auch an gewissen Zufällen, wie sie gerne einräumt. Zum Beispiel hat sich die Entscheidung, Juristin zu werden, ungemein positiv auf das Privatleben ausgewirkt. Nirgendwo sonst, dieser festen Meinung ist Katharina Waibl, wäre es ihr so gut möglich gewesen, Beruf und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Schon sehr früh konnte sie sich ihren beiden Söhnen ausgiebig widmen, weil sie ihren Beruf auch zu Hause ausüben konnte und er ihr jene Flexibilität ermöglichte, welche die Kinderbetreuung erfordert. Hört man ihr zu, so kommt man nicht umhin, anzunehmen: In diesem Juristenhaushalt – ihr Mann ist ebenfalls Anwalt in Sachen Bauplanungsrecht – sind alle zu ihrem Recht gekommen.

Und das scheint bis zum heutigen Tag so zu sein. Jetzt, wo die Söhne die Aufmerksamkeit der Mutter nicht mehr in dem Maß benötigen, hat sie sich wieder mehr beruflich engagiert. „Der Beruf ist mein Hobby“, so sagt Katharina Waibl, aber beileibe nicht das einzige. In ihrem Arbeitszimmer hängen selbst gestaltete Bilder abstrakter Pflanzenstrukturen. Wie überhaupt die Natur sie magisch anzuziehen scheint, sei es, dass sie wandernd in Alaska oder Island, demnächst möglicherweise in der Inneren Mongolei unterwegs ist, beim Bergsteigen in Südamerika oder beim Tauchen im Indischen Ozean. (Erfahren Sie mehr über die Vulkaninsel Island). Dies, so hat man das Gefühl, braucht sie dringend, um den Kopf wieder freizubekommen und jene Bilder löschen oder zumindest in den Hintergrund drängen zu können, denen sie in ihrem Beruf ständig begegnet.

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